Vereinsgeschichte

Quelle: Walter "Cheesy" Tessarolo „Sakkophonie 1958 Wädenswil, Die wahre Geschichte einer Legende“, 2013

 

Die Sakkophonie, Wurzel der neuen Wädenswiler Fasnacht
Es darf wohl mit Fug und Recht behauptet werden, dass ohne das Wirken der Märy Mäckers und der daraus hervorgegangenen Sakkophonie, die Fasnacht in Wädenswil keine Renaissance, wie sie sich seit 1972 darstellt, erlebt hätte. Wenn auch aus einer Trotzreaktion entstanden, worauf weiter unten noch eingegangen wird, und anfänglich von vielen belächelt und nicht für Ernst genommen, mauserte sich das Ganze zu einem, heute nicht mehr wegzudenkenden, traditionellen Kulturanlass. Ausser der Chilbi bringt es keine öffentliche Veranstaltung zu einem, auch nur annähernd gleich grossen Volksaufmarsch an Mitwirkenden und Zuschauer. Das ist das Verdienst von vielen, über die Jahre wechselnden Frontpersonen und Helfern der nfg - Neuen Fasnachtsgesellschaft, Cliquen, Gruppen, Guggen, Vereinen und Einzelmasken. Sie alle haben den einstmals gefassten Entschluss zweier Sakkophoniker aufgenommen, weitergesponnen und die Wädenswiler Fasnacht zu dem gemacht, was sie heute darstellt: prächtig, lautstark, farbenfroh und fröhlich. Der Ursprung aber liegt in der Sakkophonie. In diesem Kapitel soll nun auf die Entstehung der nfg und weitere Guggen, Gruppen, Cliquen und Schnitzelbanksänger, die aus den Wurzeln der Sakkophonie gewachsen sind.
 
Die Gründung der nfg - Neuen Fasnachtsgesellschaft
Am Mittwochabend, es war der 30. März 1972, wurden Ennio Maspero und Cheesy Tessarolo von den damaligen Organisatoren der Kinderfasnacht zu einer Aussprache in das Restaurant Volkshaus bestellt. Nebst dem Wortführer der Kinderfasnacht, ein Richterswiler namens Willi, waren auch Vertreter der Bäcker und der Sportfischer anwesend. Anfänglich wurde die Organisation der Kinderfasnacht, der Umzug durch das Dorf und der Kinderball im Engel gelobt. Es wurde wortgewaltig darauf hingewiesen, dass es trotz der Abwesenheit der immer noch bestehenden, aber inaktiven Fasnachtgesellschaft gelungen war, eine schöne Kinderfasnacht durchgeführt zu haben. Hier endete die Lobhudelei, denn jetzt geriet die Sakkophonie ins Visier des Richterswilers. Worte wie, „Sauhaufen“ und „besoffene Bande“ fielen und es wurde darauf hingewiesen, dass dies in Zukunft nicht mehr akzeptiert werden könne. Ennio und Cheesy liessen den ersten Wortschwall über sich ergehen. Als sich dann der Richterswiler zu der Aussage verstieg, dass bei gleichen Vorkommen im nächsten Jahr, die Guggenmusik aus dem Kinderumzug entfernt würde, platzte den beiden der Kragen.
 
Aber sicher kein Richterswiler
Cheesy, schon fuchsteufelswild, äusserte sich dahingehend, dass der Tag, an dem ein Richterswiler einem Wädenswiler befiehlt, was an der Fasnacht zu tun oder zu lassen sei, noch in keinem Kalender existiert. Ennio meinte lakonisch, dass es ja auch eine Möglichkeit wäre, dass die Sakkophonie einen eigenen Umzug, aber in der Gegenrichtung durchführen könnte und was sie denn dazu sagen würden. Der Disput artete in ein Geschrei aus und der Richterswiler wollte sich kaum mehr einkriegen. Als dann auch noch der Vertreter der Bäcker glaubt, ins gleiche Horn stossen zu müssen, erhoben sich die zwei Sakkophonie-Exponenten und verliessen wutentbrannt die ungastliche Stätte. Vor der Tür beratschlagten sie, was jetzt dagegen unternommen werden könnte. Die Nacht war noch ziemlich kalt und so beschlossen sie, bei einem Bier das weitere Vorgehen.
 
Was nun?
Auf sich sitzen lassen wollten und konnten sie diese Abfuhr aber nicht und so stürmten sie über die Strasse in die Schmiedstube. Hier sinnierten Ennio und Cheesy, beide knapp über zwanzig Jahre alt, wie und mit welchen Mitteln man dem rot/gelb gewandeten und mit Spitzhut versehenen Richterswiler Willi lehren könnte, sich nicht in Wädenswiler Fasnachtsangelegenheiten zu mischen. Die Rede war von kleinen Handspritzen mit Buttersäure, tonnenweise Konfetti, einem Umzug in Gegenrichtung, Belagerung des Engelsaals und ähnlichen Nettigkeiten. Je länger die Diskussion dauerte, umso mehr gelangten sie aber zur Einsicht, dass nur ein wirklicher Donnerschlag den Richterswiler zu Raison bringen würde. Einer der Beiden, wer ist nicht mehr festzustellen, warf auf einmal die Idee, einfach eine neue Fasnachtsgesellschaft zu gründen, in das Gespräch. Genau, das war der zündende Gedanke. Mit einer neuen Fasnachtsgesellschaft würde auch die Möglichkeit eines grossen Umzugs bestehen und man könnte ja dann auch noch der Kasse der inaktiven Fasnachtgesellschaft bedienen. Gedanke, reihte sich an Gedanke, Ideen wurde ins Auge gefasst und wieder verworfen und bei einer weiteren Stange Wädenswiler Bier, gaben sich Ennio und Cheesy die Hand mit den Worten: „mir gründet ä nöi Fasnachtsg’sellschaft“. Um 11 Uhr 90 verliessen sie die Schmiedstube im stolzen Bewusstsein, es jetzt dem Richterswiler heimzahlen zu können.
 
Die Überraschung an der Sakkophonieprobe
An der ersten Probe nach der Fasnacht im Mai, traditionsgemäss konnten die Sakkophoniker einen Monat pausieren, verkündete der Spielleiter Ennio den sprachlosen Sakkophonikern, dass wir eine neue Fasnachtsgesellschaft gegründet hätten und sie jetzt alle, nebst der Mitgliedschaft in der Sakkophonie, nun auch alle nfg‘ler geworden wären. Lautes Geschrei hob an und tausend Fragen wurden gestellt, aber der Grundtenor war absolut positiv. Hojok skizzierte die Aufgaben, die auf uns zukommen würden und bestand darauf, dass das Ganze fein säuberlich geplant werden müsse. An ein Weiterführen der Probe war jetzt nicht mehr zu denken, denn jeder wollte wissen, wie es denn dazu gekommen war. Nach der Schilderung des Erlebten, konnten die Initianten aber uneingeschränkt auf die Zustimmung der Sakkophoniker zählen. Ein Thema hielt sich aber den ganzen Abend. Die Namensgebung bereitete Kopfzerbrechen. Wie sollte die neue Fasnachtsgesellschaft heissen? Es wurde vorgeschlagen, dass sich jeder Gedanken darüber machen sollte und Cheesy sollte als Aktuar die möglichen Bezeichnungen sammeln.
 
Die Gründungsversammlung
Es sollten Gespräche mit den Vertretern der Fasnachtsgesellschaft aufgenommen werden, weil dort auch noch eine Kasse vorhanden war und die, gemäss deren Bestimmung, von einer Organisation mit gleichen Zielen beansprucht werden könne. Jetzt wurden Aufgaben verteilt und man versprach sich, vorerst Stillschweigen zu bewahren und Weiteres abzuklären. Hojok bestand auf einer Gründungsversammlung, die am Samstagabend, dem 9. September 1972 im Restaurant Volkshaus stattfand und an der die vollzählige Sakkophonie anwesend war. Den Gründungsakt vollzog der Spielleiter Ennio und die Ziele für die Fasnacht 1973 wurden verkündet. Leider waren keine Ideen für einen Namen eingegangen und so beliess man vorerst die, heute noch gültige Bezeichnung „nfg - Neue Fasnachtsgesellschaft“. Geld war keines vorhanden, denn der Präsident der Fasnachtsgesellschaft hatte sich geweigert, die Kasse an die neue Fasnachtsgesellschaft zu übertragen. „Wir sollten zuerst einmal einige Jahre beweisen, dass dies keine Laune und Eintagsfliege sei“, waren seine Worte zu Cheesy, als dieser bei einem Gespräch die entsprechende Frage gestellt hatte. Wenn auch die finanzielle Lage prekär war, war dafür der Enthusiasmus umso grösser.
 
Der erste Präsident
Es wurde ein erster Präsident gesucht und in der Person von Heinz auch gefunden. Er wurde einstimmig gewählt und demzufolge konnte er die Wahl auch nicht ablehnen, was soviel heissen will, wie „er wurde dazu einfach verknurrt“! Cheesy wurde Umzugschef und sollte mit Heini versuchen an der kommenden Fasnacht in der March und in Luzern, wenn immer möglich, Wagengruppen und Guggenmusiken für eine Teilnahme an der Wädenswiler Fasnacht zu begeistern. Hojok, Ennio und Kurt nahmen sich der Wädenswiler Vereine an, um sie für eine Teilnahme an der Fasnacht zu gewinnen. Es fanden darauf hin diverse Motivationsgespräche statt. Da wollte auch die Sakkophonie nicht nachstehen.
 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Guggenmusik trugen sie am ersten grossen Umzug der „Fasnachtsneuzeit“ von 1973 ihr Clownkostüm mit wunderschönen Grinden. Der Umzug konnte sich sehen lassen. Auch wenn er noch fast mehrheitlich aus auswärtigen Gruppen bestand und mit den „Gassämügger Guuggemusig“ die erste Luzerner Gugge in Wädenswil auftrat, sprang der Funken auch schon auf einige Wädenswiler Vereine über. Die Begeisterung der Wädenswiler Bevölkerung über den gelungenen Neuanfang der Fasnacht war gross und der Anzeiger vom Zürichsee hoffte auf weitere Taten in den nächsten Jahren.

 
Die Gewaltentrennung
Die Doppelbelastung von Organisation und Guggenmusik konnte aber auf die Dauer nicht aufrecht erhalten werden, dessen war man sich bei der Sakkophonie klar und man machte sich auf die Suche nach neuen, jungen und unverbrauchten Kräften, denen sowohl Wädenswil als auch die Fasnacht am Herzen lag. Der erste, „nicht-sakkophonische“ Präsident hiess Fritz Zimmermann, der dann aber leider eine berufliche Herausforderung in England annahm und an der nächsten Fasnacht nicht zur Verfügung stand. Aus dieser Tatsache wuchs die Erkenntnis, dass nur ein gesunder Mix aus „alten“ und „neuen“ Fasnächtler den Bestand der neuen Fasnacht sichern würde. Guy Walder und Kurt Schoch erklärten sich schweren Herzens bereit, aus der Sakkophonie aus- und in die nfg einzutreten. Eine Entscheidung, die wegweisenden Charakter erhalten sollte. Da das Amt des Präsidenten immer noch vakant war und man in Peter Schuppli einen „Kadetten“ der alten Wädenswiler Prägung fand, wurde diese kurzerhand zum Präsidenten gewählt. Dass sich diese Wahl in der Folge als eigentlicher Glücksgriff herausstellen sollte, beweist die Tatsache, dass er dieses Amt während den nächsten fünfundzwanzig Jahren mit Bravour erledigte und das nfg-Schiff mit grosser Umsicht steuerte. Rechnet man die ersten, ad-interim-Präsidenten dazu, ist der heutige nfg-Chef Christoph Lehmann erst der fünfte Präsident in der bald 50-jährigen Geschichte der neuen Wädenswiler Fasnacht. Die Wurzel dieser Fasnacht aber liegt in der Sakkophonie!
 
Eine kleine, aber bezeichnende Episode soll dokumentieren, welche Mauern eingerissen werden mussten, um die Akzeptanz der einstmals nicht immer gern gesehenen und gehörten Guggenmusik bei den „Ur-Wättischwilern“ zu erreichen. Es mangelte, wie schon gesagt, am Geld. Die Kasse bei der Fasnachtsgesellschaft blieb weiterhin verschlossen und an Umzugs-Plaketten wagte niemand zu denken. Not macht aber bekanntlich erfinderisch und so wurde ein stilisierter Clown auf ein Blatt Papier gezeichnet. Dieses Blatt wurde dann mehrere hundert Mal kopiert und in einer Guggenprobe mit Fa­den und Anstecknadel versehen. Gruppenweise zogen die Sakkophoniker von Restaurant zu Restaurant um diese „originellen“ Eintrittsbillete zu verkaufen. Ennio und Cheesy besuchten ein bekanntes Lokal und erdreisteten sich, am Stammtisch diese „Plaketten“ anzubieten. Mit den Worten: „Mached dass er zum Tüüfel chömed, z’Wättischwil isch d’Fasnacht e Sach vo de Bürgere und nüd vo Prolete.“, wurden sie unverrichteter Dinge und ohne ein einziges „Glöönli“ verkauft zu haben, wieder aus dem Lokal hinaus komplimentiert. Der Herr, der diesen Spruch von sich gegeben hatte, entschuldigte sich Jahre danach bei Cheesy.
 
Bei der nachstehenden, historischen Aufnahme sind es vor allem die vielen Veränderungen, die unsere Stadt im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre erlebte, die auffallen. Parkplätze sind noch keine Mangelware. Keine "Wolkenwelle" überschattet den Bahnhofplatz. Das Kleidergeschäft Mantel und das Schuhhaus Dosenbach protzen mit üppigen Auslagen und in der Stadtkasse gabe es noch kein Konto, das für das Erstellen einer Bühne für die Guggenmusiken vorgesehen war.

1973: Das erste Monsterkonzert nach dem Umzug auf dem Bahnhofplatz Wädenswil